F.A.S. – WIRTSCHAFT ,Sonntag, 14.04.2019

So gut kann Plastik sein

Plastik hat einen miesen Ruf, deshalb suchen wir wie wild nach Alternativen. Die Umwelt hat davon wenig. Zeit für eine Gegenrede. Von Patrick Bernau

Die Verteufelung des Plastiks ist allgegenwärtig. Auch in den Bürotürmen der Deutschen Bank entgeht man ihr nicht. Denn der Künstler Gabriel Orozco hat in einem Naturschutzgebiet an der mexikanischen Küste Strandgut gesammelt und den ganzen Abfall fotografiert. Eigentlich sollte dieser Strandabschnitt den Walen vorbehalten sein. Doch da lagen Bauhelme, Knöpfe und Plastikflaschen – Abfall genug für großformatige Fotocollagen, die jetzt in der Deutschen Bank hängen. Sie entstanden schon 2012. Heute finden Naturschutzorganisationen an den Küsten der Welt immer wieder verendete Wale, deren Bauch mit Plastikteilen gefüllt ist. Niemand kann bei diesen Bildern ungerührt bleiben. Und Europa rührt sich: Supermärkte geben ihren Kunden keine kostenlosen Plastiktüten mehr, die Europäische Union verbietet Plastikstrohhalme, und wenn Verbraucher irgendwo Gurken in Plastikfolie verpackt sehen, kann der Händler praktisch sofort einen Mitarbeiter für die Beschwerden abstellen. Der Ruf von Plastik ist unten durch.

Es ist Zeit für eine Gegenrede. Denn so umweltschädlich ist Plastik nicht – und wer gedankenlos auf Plastik verzichtet und sich Alternativen zuwendet, fügt der Umwelt oft noch schwereren Schaden zu.

Es ist ja wahr: Kunststoff macht Schwierigkeiten. Dass Plastik sich im Meer nicht zersetzt, sondern immer größere Müll-Inseln im Wasser und Berge am Strand anhäuft, ist nur die sichtbarste Folge. Bei der Ölförderung wird oft rabiat mit der Umwelt umgegangen. Kunststoffpartikel aus Autoreifen, Textilfasern und Duschgels landen als Mikroplastik im Abwasser, werden in den Kläranlagen nicht vollständig herausgefiltert und drohen auch in die Nahrung der Menschen zu kommen. Doch Plastik hat auch viele Vorzüge. Die sind in den vergangenen Monaten von der Wut weggespült worden und in der Debatte untergegangen.

Das erfährt man aber oft nicht in Deutschland, sondern eher in den Nachbarländern. In der Schweiz berechnet die Umweltberatung Carbotech die Ökobilanzen für die öffentliche Verwaltung im Bund und in den Kantonen, sowie für Unternehmen, das heißt: Sie analysiert, welches Material von der Produktion bis zur Entsorgung wie umweltschädlich ist. „Die Kunststoffindustrie hat in den letzten 20 Jahren in verschiedenen Umweltfragen geschlafen“, sagt Carbotech-Seniorpartner Fredy Dinkel. Trotzdem verteidigt er Plastik. „Wir müssen die Vermüllung des Meeres in den Griff bekommen. Aber in der Schweiz und in Deutschland funktioniert das Müllsystem. Den Meeren nutzen wir nicht, indem wir hier auf Plastik verzichten.“ Dinkel lobt die Kunststoffe: „Plastik hat für vieles hervorragende Eigenschaften, die der Umwelt nutzen. Auch Glas wächst nicht einfach auf Bäumen, sondern benötigt viel Energie in der Herstellung und auch beim Recycling.“

Tatsächlich ist die Glasherstellung nicht gerade umweltfreundlich. Zwar lässt sich Glas leicht recyceln, doch selbst im Recycling wird das Material auf mehr als 1000 Grad erhitzt. Natürlich gibt es nicht nur Einwegflaschen: Viele Glasflaschen werden als Pfandflaschen wiederverwendet. Dann müssen sie heiß ausgespült werden. Dazu werden sie durch die Gegend gefahren – und Glas kostet sogar dabei viel Energie, weil es so schwer ist. Deshalb empfiehlt sogar der Naturschutzbund Nabu: Getränke sollte man aus Umweltgesichtspunkten nicht in Glasflaschen kaufen, sondern idealerweise in der Plastik-Mehrwegflasche.

Manchmal wird Plastik auch durch Papier ersetzt. Dafür werden Bäume gerodet, in ihre Einzelteile gespalten, der Zellstoff dann in Kubikmetern von Wasser eingeweicht, mit Chemikalien angereichert, das ganze mit viel Aufwand in Form gebracht und anschließend heiß getrocknet. Die Herstellung einer Tonne Papier, rechnet das Umweltbundesamt vor, verbraucht so viel Energie wie die Herstellung einer Tonne Stahl – und der kommt immerhin aus dem heißen Hochofen. Das heißt: Wenn Eltern beim Kindergeburtstag die Gastgeschenke in Papier- statt in Plastiktüten mitgeben, haben sie nur ihrem Gewissen etwas Gutes getan und vielleicht ihrem Ansehen bei den anderen Eltern, aber nicht dem Weltklima und nicht der Umwelt.

Selbst die Plastiktüte, die in Deutschland einen besonders schlechten Ruf hat und aus vielen Supermärkten schon verbannt wurde, kann sinnvoll sein. Die Hinweise kommen aus Dänemark, auch nicht gerade das Heimatland der Industrielobby. Die dänische Umweltschutz-Behörde hat im vergangenen Jahr verglichen, wie umweltfreundlich unterschiedliche Taschen über ihren ganzen Lebenszyklus sind. Das Ergebnis: In vielen Fällen ist die simple Plastiktüte der umweltfreundlichste Weg. Papiertüten sind in der Herstellung so aufwendig, dass sie bis zu 43-mal wiederverwendet werden müssen, bevor sie so umweltfreundlich sind wie eine Plastiktüte – abhängig davon, welchen Umweltschaden man betrachtet. Selbst die stabilen Plastiktüten aus recyceltem PET müssen 84-mal wiederverwendet werden, bis alle Umweltschäden ausgeglichen sind – also rund ein Jahr lang. Am schlimmsten aber ist die Bio-Baumwolle: Diese Tasche müsste sogar 149-mal wiederverwendet werden, um ihren Klimaschaden auszugleichen – oder 20000 Male, wenn man den Land- und Wasserverbrauch betrachtet.

Warum ist Plastik so oft eine gute Wahl? Kunststoffe können sehr leicht und strapazierfähig sein. Wenn die Waren dann durchs Land transportiert werden, brauchen sie weniger Energie. Eine Plastikverpackung braucht in der Herstellung wenig Energie und Wasser. Das Öl, aus dem der Kunststoff gewonnen wird, ist sowieso nicht mehr richtig knapp – schließlich warnen Wissenschaftler schon lange davor, die bekannten Ölvorräte vollständig zu Benzin zu verarbeiten: Das schadet dem Klima.

Am Ende trägt Plastik sogar dazu bei, eine andere große Umweltsünde zu bekämpfen: die Lebensmittelverschwendung. Wenn Joghurt im Glas verkauft wird, dann oft gleich halbliterweise. Nicht jeder kriegt so viel Joghurt aufgegessen, bevor er schlecht wird. Die kleinen Joghurtportionen aber lohnen sich oft nur mit Plastikbecher, wie Benedikt Kauertz vom Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg weiß: Bei kleinen Joghurtportionen wäre das Glas manchmal fast schwerer als der Inhalt.

Die Plastikfolie ist sogar oft eine bessere Hülle für Obst und Gemüse als deren eigene Schale. Mag man sich auch über Gurken mit Plastikfolie wundern, sie haben ihren Sinn: Unverpackt fangen Gurken nach wenigen Tagen an zu schrumpeln, in der Plastikfolie halten sie zwei bis drei Wochen. Wenn Äpfel nicht kenntnisreich gelagert werden, bleiben sie unverpackt zwei Wochen lang schön – mit Verpackung mindestens vier. Benedikt Kauertz weist darauf hin, dass der Handel selbst einiges von dieser Zeit aufbraucht, weil er die Waren inzwischen länger lagert und weiter transportiert. Gleichzeitig sagt er auch: „Der Lebensmittelverlust wäre in der Regel immer umweltschädlicher als die Verpackung.“ Heute arbeiteten in der Familie oft beide Elternteile, sie bauten weniger Lebensmittel selbst an und kochten heute weniger – an diesem Lebensstil werde sich so schnell nichts ändern lassen.

Es gibt Läden, die Lebensmittel praktisch ganz ohne Plastik verkaufen. Milena Glimbovski heißt die Gründerin des ersten „Unverpackt“-Ladens in Berlin-Kreuzberg, in dem die Kunden ihre Ware selbst abfüllen können. Dazu haben sie zum Teil selbst aus alten Stoffen kleine Zuzieh-Beutel genäht, in die sie Reis und andere Trockenware einfüllen können. Dann muss man die Beutel nicht jedes Mal waschen. Auf diese Weise sind die meisten Waren tatsächlich umweltfreundlicher als die verpackten, hat eine Studie ergeben – aber auch nicht alle. Der Tofu wurde wieder aus dem Sortiment genommen, erzählt Ladengründerin Glimbovski, weil sie es nicht schaffte, ihn umweltfreundlicher anzubieten als andere Läden. Selbst sie glaubt heute, dass Plastik nicht immer schlecht ist. „Man muss gut hinterfragen, welche Aktionen nur gut fürs Gewissen sind und welche tatsächlich der Umwelt helfen“, sagt sie.

Was bleibt da als Empfehlung für Leute, die die Welt im Alltag ein kleines Stückchen besser machen wollen? Eine sehr einfache: Greift öfter mal zum Plastik!

Natürlich kann man darüber nachdenken, Verpackungen generell zu vermeiden. Bananen müssen nicht extra in Plastiktüten eingepackt werden. Wer Wasser aus dem Hahn trinkt, spart sich die Wasserflasche und nebenbei sogar das Schleppen. Wer den Rucksack zum Einkaufen mitnimmt, kann auf die Plastiktüte verzichten – aber das tut sowieso heute schon die große Mehrheit der Deutschen. Niemand aber sollte Plastik vermeiden, indem er sich extra etwas anschafft, seien es Tupperdosen oder Baumwolltragetaschen. Wer trotz aller guten Vorsätze beim Einkaufen doch den Rucksack vergessen hat, der bittet um eine Plastiktüte und verwendet sie zu Hause als Mülltüte weiter.

Am wichtigsten aber ist der Merksatz: Gut entsorgtes Plastik ist ein kleines Umweltproblem, Plastik in der Umwelt ein großes. Zum Glück ist in Deutschland die Müllabfuhr schon ziemlich gut organisiert – so sagt es Sébastien Humbert bei der Schweizer Umweltberatung Quantis. „In Deutschland landet das Plastik nicht im Meer.“ 90 Prozent des Plastiks in den Weltmeeren stammen aus zehn Flüssen in Asien und Afrika. Mancher Umweltschützer hat Angst, dass darunter auch Plastik aus Deutschland ist, das zum Recycling nach Asien exportiert wurde. Doch das sei unwahrscheinlich, glaubt Humbert: Dieses recycelbare Plastik sei wertvoll, das werde nicht achtlos in die Flüsse geworfen.

Recycling ist gut, Müllverbrennung aber auch nicht immer schlecht: So wird aus den Verpackungen am Ende immerhin noch Wärme oder Strom, und verbranntes Plastik landet sicher nicht im Meer. „Verzichten Sie nicht in Stuttgart oder München auf Plastik“, sagt Humbert. „Wenn Sie hier gegen Plastik vorgehen, wird es nur durch Glas ersetzt, und das ist schlechter.“ Stattdessen empfiehlt Humbert, sich die komplette Plastikverweigerung für den Urlaub aufzuheben „Tun Sie das, wenn Sie in China oder Thailand unterwegs sind oder auch in Griechenland. In einem Land mit schlechter Abfallverwertung können Sie mit Plastik in einer Woche alles kaputtmachen, was Sie im Rest vom Jahr zu Hause an Gutem getan haben.“

Wer also in Deutschland ganz praktisch etwas gegen die Plastikvermüllung des Meeres tun möchte, sammelt gelegentlich mal am Bach oder am Strand ein bisschen Müll auf – so dass der Künstler Gabriel Orozco nächstes Mal am besten einen leeren Strand vorfindet. Und dabei geht es nicht nur um Plastik. Orozcos Collagen zeigen nämlich deutlich: In den Meeren ist auch einiges an Glas unterwegs.

Plastik hat einen miesen Ruf, deshalb suchen wir wie wild nach Alternativen. Die Umwelt hat davon wenig. Zeit für eine Gegenrede. Von Patrick Bernau, ein Bericht in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 14.04.2019

Lesen Sie mehr in der Rubrik „Kunststoff-Verpackungen“

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